ETF-Police oder ETF-Sparplan im Depot: Was bringt am Ende mehr?
„Investieren Sie in ETFs – aber steueroptimiert im Versicherungsmantel!" Mit diesem Argument werden ETF-Rentenversicherungen (auch fondsgebundene Rentenversicherungen oder ETF-Policen genannt) verkauft. Das Steuerargument ist nicht erfunden – aber reicht es aus, um die zusätzlichen Kosten zu schlagen? Ich habe es durchgerechnet: Brutto-Police, Netto-Police und das simple ETF-Depot im direkten Vergleich über 30 Jahre.
Die drei Wege kurz erklärt
- ETF-Sparplan im Depot: Du besparst deinen ETF direkt im Wertpapierdepot. Kosten: Nur die Fondskosten (TER) und ggf. minimale Ordergebühren. Steuern: Auf Gewinne fällt bei Verkauf Abgeltungsteuer an – 26,375 % inkl. Soli, dank 30-%-Teilfreistellung für Aktien-ETFs effektiv rund 18,5 % des Gewinns. Während der Laufzeit greift jährlich die kleine Vorabpauschale.
- Brutto-Police: Dieselben ETFs, verpackt in eine Rentenversicherung vom Vermittler. Zusätzlich zu den Fondskosten zahlst du Abschluss- und Vertriebskosten (typisch 2,5 % der gesamten Beitragssumme, verteilt auf die ersten fünf Jahre) plus laufende Verwaltungskosten. Realistische Effektivkosten: Oft 1,5 bis 2 % pro Jahr zusätzlich.
- Netto-Police: Das gleiche Versicherungsprodukt, aber ohne einkalkulierte Provision. Stattdessen zahlst du dem Vermittler ein einmaliges Honorar (typisch 1.500–3.000 €). Die laufenden Kosten sind deutlich niedriger – Effektivkosten oft nur 0,5 bis 0,8 % pro Jahr zusätzlich zu den Fondskosten.
Der Steuervorteil der Police – was dahintersteckt
Innerhalb einer Police sind Umschichtungen und Erträge während der Laufzeit steuerfrei – keine Vorabpauschale, keine Steuer beim Fondswechsel. Der große Trumpf kommt bei der Auszahlung: Lässt du dir das Kapital nach mindestens 12 Jahren Laufzeit und frühestens ab 62 auszahlen, greift das Halbeinkünfteverfahren – nur die Hälfte des Ertrags wird mit deinem persönlichen Steuersatz besteuert (zuvor werden bei Fondspolicen pauschal 15 % des Ertrags freigestellt). Bei einer lebenslangen Verrentung ist sogar nur der niedrige Ertragsanteil steuerpflichtig. Klingt stark – kostet aber eben die Versicherungsgebühren, Jahr für Jahr, auf das gesamte Guthaben.
Die Beispielrechnung: 200 € monatlich, 30 Jahre, 6 % Fondsrendite
Einzahlungen insgesamt: 72.000 €. Auszahlung mit 65 als Einmalbetrag, persönlicher Steuersatz im Ruhestand: 30 %. Annahmen: Brutto-Police 1,8 % Effektivkosten p. a., Netto-Police 0,6 % p. a. plus 2.500 € Honorar (fairerweise inklusive dessen entgangener Anlagerendite), Depot ohne Zusatzkosten.
| Wert vor Steuer | Steuer | Netto-Vermögen | |
|---|---|---|---|
| ETF-Depot | 194.900 € | 22.700 € | 172.200 € |
| Netto-Police | 175.000 € | 13.100 € | 147.500 €* |
| Brutto-Police | 141.900 € | 8.900 € | 132.900 € |
* inkl. rund 14.400 € Opportunitätskosten des Honorars (2.500 €, die 30 Jahre nicht im Depot arbeiten konnten).
Das Ergebnis ist deutlich: Das Depot gewinnt mit rund 25.000 € Vorsprung vor der Netto-Police und fast 40.000 € vor der Brutto-Police – obwohl die Policen weniger Steuern zahlen. Die Erklärung ist simpel: Die Brutto-Police zahlt zwar nur 8.900 € Steuern statt 22.700 € – aber ihre Kosten haben vorher über 50.000 € Endvermögen vernichtet. Der Steuervorteil wirkt auf den Ertrag, die Kosten wirken auf das gesamte Guthaben – jedes Jahr aufs Neue.
Wann kann die Police trotzdem gewinnen?
Ehrlichkeit gehört dazu – es gibt Konstellationen, in denen eine (Netto-)Police die Nase vorn haben kann:
- Häufiges Umschichten: Wer seine Strategie regelmäßig ändert oder größere Rebalancing-Verkäufe macht, zahlt im Depot jedes Mal Steuern auf Gewinne – in der Police nicht. Bei einem simplen Buy-and-Hold-Weltportfolio fällt dieser Vorteil aber kaum ins Gewicht (Tipp: Mit Cashflow-Rebalancing geht es im Depot auch steuerfrei).
- Sehr hoher Steuersatz + Verrentung: Wer das Kapital lebenslang verrenten lässt, versteuert nur den kleinen Ertragsanteil – das kann bei großen Summen relevant werden.
- Extrem lange Laufzeiten (40+ Jahre): Je länger der steuerfreie Zinseszins in der Police wirkt, desto eher kann eine wirklich günstige Netto-Police das Depot einholen – vorausgesetzt, die Kosten bleiben dauerhaft niedrig.
- Disziplin-Aspekt: Eine Police mit Verfügungsbeschränkung schützt manche Menschen vor sich selbst. Das ist kein Renditeargument, aber ein psychologisches.
Und ein Blick nach vorn: Ab 2027 gibt es mit dem staatlich geförderten Altersvorsorgedepot eine Variante, die steuerfreies Wachstum in der Ansparphase mit Depot-Kostenstruktur und Zulagen kombiniert – für viele dürfte das die interessanteste Antwort auf genau diese Debatte sein.
Worauf du bei einem bestehenden Vertrag achten solltest
- Fordere die Effektivkostenquote an (muss der Versicherer nennen). Über 1,5 % p. a. ist ein Alarmsignal.
- Prüfe den Rückkaufswert im Vergleich zu deinen Einzahlungen – gerade in den ersten Jahren liegt er wegen der Abschlusskosten oft deutlich darunter.
- Vorschnell kündigen ist selten klug: Je nach Alter des Vertrags (Stichwort Steuerfreiheit von Altverträgen vor 2005) und bereits bezahlten Abschlusskosten kann Beitragsfreistellung oder Weiterführen besser sein. Das ist ein Einzelfall-Thema.
Mein Fazit
Für die meisten Menschen mit einer einfachen Buy-and-Hold-Strategie gilt: Kosten schlagen Steuertricks. Das selbst geführte ETF-Depot gewinnt den Vergleich in den realistischen Szenarien – die Brutto-Police verliert fast immer, die Netto-Police ist die respektable, aber meist zweitbeste Lösung für Spezialfälle. Wenn du unsicher bist, was in deinem Vertrag steckt oder welcher Weg zu dir passt: Genau solche Entscheidungen nehmen wir im Finanzcoaching auseinander – auf Honorarbasis, ohne dass ich an einem Produktverkauf verdiene.