Nettopolice oder ETF-Depot – was lohnt sich wirklich?
Wer sich mit fondsgebundenen Versicherungen beschäftigt, stolpert schnell über den Begriff Nettopolice – manchmal auch Honorartarif genannt. Das Versprechen: eine Fondspolice ohne die üblichen Abschlussprovisionen, also deutlich günstiger als der klassische Bruttotarif.
Klingt erstmal gut. Aber macht das die Police automatisch besser als ein einfaches ETF-Depot? Ich habe es durchgerechnet – und die Antwort ist differenzierter, als beide Lager gern behaupten.
Wenn du den grundsätzlichen Unterschied zwischen Police und Depot noch nicht kennst, lies am besten zuerst meinen Artikel ETF-Police oder ETF-Depot? – hier geht es gezielt um die provisionsfreie Nettopolice.
Der Unterschied zwischen Brutto- und Nettopolice
Bei einer Bruttopolice ist die Vermittlerprovision im Produkt eingerechnet. Du zahlst sie nicht sichtbar, sondern über erhöhte Kosten – meist über die ersten fünf Jahre verteilt. Genau das ist der Grund, warum viele Fondspolicen in den Anfangsjahren kaum Wert aufbauen.
Bei einer Nettopolice ist keine Provision eingerechnet. Stattdessen zahlst du das Honorar für die Beratung separat. Die laufenden Kosten der Police sind dadurch spürbar niedriger.
Wichtig zu verstehen: Die Beratung ist nicht kostenlos, sie wird nur sichtbar. Und genau das ist der eigentliche Fortschritt – du weißt, was du wofür bezahlst.
Was für die Nettopolice spricht: der Steuervorteil
Der große Trumpf einer Fondspolice kommt bei der Auszahlung. Lässt du dir das Kapital nach mindestens 12 Jahren Laufzeit und ab dem 62. Lebensjahr auf einen Schlag auszahlen, greift das Halbeinkünfteverfahren: Nur die Hälfte des Gewinns wird mit deinem persönlichen Steuersatz belastet. Bei Aktienfonds innerhalb der Police kommt zusätzlich eine Teilfreistellung von 15 % dazu – bei Aktien-ETFs im freien Depot sind es dagegen 30 %. Die unterschiedlichen Sätze sind kein Widerspruch, sondern gelten für verschiedene Produktarten.
Beim freien ETF-Depot zahlst du dagegen Abgeltungsteuer von 26,375 % auf den Gewinn – allerdings mit einer Teilfreistellung von 30 % bei Aktien-ETFs, also effektiv rund 18,5 %.
Dazu kommt: Innerhalb der Police kannst du Fonds tauschen, ohne dass Steuer anfällt. Im freien Depot löst jeder Verkauf Steuer aus.
Was für das ETF-Depot spricht: Kosten und Freiheit
Der Steuervorteil klingt stark – aber er muss erst einmal die Zusatzkosten der Police wieder einspielen. Und genau da liegt der Hund begraben.
Eine gute Nettopolice liegt bei etwa 0,5 bis 0,8 % laufenden Kosten pro Jahr, dazu die Fondskosten. Ein freies ETF-Depot kommt bei einem günstigen Broker auf 0,1 bis 0,3 % – oft nur die ETF-Kosten selbst.
Ein halbes Prozent Unterschied klingt nach nichts. Über 30 Jahre ist es das nicht: Bei 300 € monatlich und 6 % Rendite reden wir über einen fünfstelligen Betrag, den die höheren Kosten kosten – bevor der Steuervorteil überhaupt greift.
Dazu kommen drei Punkte, die selten im Verkaufsgespräch stehen:
- Du bist gebunden. Der Steuervorteil setzt 12 Jahre Laufzeit und das 62. Lebensjahr voraus. Steigst du früher aus, ist er weg – und du hast trotzdem die höheren Kosten gezahlt.
- Die Fondsauswahl ist begrenzt. Du kannst nur wählen, was der Versicherer anbietet. Im freien Depot nimmst du, was du willst.
- Du kennst deinen Steuersatz im Alter nicht. Der Halbeinkünfte-Vorteil rechnet sich umso weniger, je höher dein Steuersatz im Ruhestand ist.
Für wen sich was lohnt – meine ehrliche Einordnung
Die Frage ist nicht „Police oder Depot“, sondern: Passt die Bindung zu deinem Leben?
Die Nettopolice kann sich lohnen, wenn du sicher bist, sehr lange durchzuhalten, einen hohen Steuersatz hast und ihn im Alter deutlich niedriger erwartest, und wenn du regelmäßig umschichten willst.
Das freie ETF-Depot passt besser, wenn du Flexibilität brauchst, günstige Kosten bevorzugst, nicht sicher sagen kannst, wo du in 15 Jahren stehst – oder wenn du zwischendurch an das Geld können willst.
Meine Beobachtung aus der Praxis: Die meisten überschätzen ihre Durchhaltefähigkeit. Lebensläufe verlaufen selten geradlinig – Jobwechsel, Familie, Immobilie, Krankheit. Eine Police, die man nach acht Jahren beitragsfrei stellt, hat alle Nachteile und keinen der Vorteile.
Und was ist mit dem Altersvorsorgedepot ab 2027?
Ein Punkt, den man 2026 unbedingt mitdenken sollte: Ab dem 1. Januar 2027 kommt mit dem Altersvorsorgedepot eine dritte Option dazu – ein gefördertes Wertpapierdepot mit Zulagen und Steuervorteil, aber ohne Versicherungsmantel.
Wer heute überlegt, eine Police über 30 Jahre abzuschließen, sollte wissen, dass sich die Landschaft gerade grundlegend verändert. Das heißt nicht „auf jeden Fall warten“ – aber es heißt, die Entscheidung nicht zu treffen, ohne diese Alternative zu kennen. Welche Fristen dabei gelten, habe ich in einem eigenen Artikel zusammengefasst: Altersvorsorgedepot – ab wann geht es los?
Mein Fazit
Die Nettopolice ist ein klarer Fortschritt gegenüber der Bruttopolice – schon weil sie die Kosten sichtbar macht. Ob sie besser ist als ein freies ETF-Depot, hängt aber an drei Fragen, die nur du beantworten kannst: Wie lange hältst du wirklich durch? Wie hoch ist dein Steuersatz heute und im Alter? Und wie viel ist dir Flexibilität wert?
Wer diese Fragen nicht ehrlich beantwortet, unterschreibt einen Vertrag über Jahrzehnte auf Basis einer Verkaufspräsentation. Das ist der eigentliche Fehler – nicht die Wahl des einen oder anderen Produkts.
Du willst wissen, was zu deiner konkreten Situation passt – oder hast schon eine Police und fragst dich, was du damit machen sollst? Im Finanzcoaching auf Honorarbasis schauen wir uns das gemeinsam an. Ich verkaufe keine Produkte und bekomme keine Provision, egal wie du dich entscheidest.