Trade Republic macht das Altersvorsorgedepot kostenlos – wo ist der Haken?

Analyse · Stand 13. Oktober 2026 · Lesezeit ca. 9 Minuten

Am 13. Oktober 2026 hat Trade Republic sein Altersvorsorgedepot vorgestellt – und einen Preis genannt, den es so bisher nicht gab: null. Keine Depotgebühr, keine Sparplankosten, und bei einer Auswahl von ETFs nicht einmal die laufenden Fondskosten.

Die Schlagzeilen waren entsprechend. „Komplett kostenlos“ liest man überall, dazu Rechnungen, wie viel das über 30 Jahre ausmacht.

Ich habe mir die Pressemitteilung und die Berichterstattung angesehen und das Angebot mit dem verglichen, was der Wettbewerb anbietet. Das Ergebnis vorweg: Das Angebot ist tatsächlich stark. Aber es gibt drei Punkte, die in den meisten Meldungen fehlen – und einer davon betrifft ausgerechnet die Phase, in der es um dein Geld geht.

Was genau angekündigt wurde

Trade Republic bietet, wie es das Gesetz für alle Anbieter vorschreibt, zwei Varianten an. Die Konditionen unterscheiden sich:

StandarddepotFreies Depot
Depotgebührkeinekeine
Sparplan-Ausführungkostenloskostenlos
Einzelkauf / -verkaufnicht vorgesehenje 1 €
Laufende Fondskostenentfallenentfallen bei 51 ETFs
Auswahlzwei vorgegebene Fondsalle förderfähigen ETFs

Im Standarddepot stecken zwei Fonds: ein breiter Aktien-ETF und ein globaler Anleihen-ETF, standardmäßig im Verhältnis 90 zu 10. Das lässt sich ändern. Je näher die Rente rückt, desto stärker schichtet der Anbieter automatisch in den schwankungsärmeren Teil um.

Im freien Depot wählst du selbst. Nicht alles ist erlaubt: Infrage kommen nur förderfähige Fonds bis Risikoklasse 5 von 7 sowie Euro-Staatsanleihen. Einzelaktien, Kryptowährungen und Hebelprodukte sind ausgeschlossen – das gibt der Gesetzgeber vor, nicht der Anbieter.

Die Kostenbefreiung gilt dort für 51 ETFs – nach aktuellem Stand 39 Aktien- und 12 Anleihe-ETFs von BlackRock, DWS und Vanguard, also den Häusern hinter iShares, Xtrackers und Vanguard. Bei allen anderen Fonds zahlst du die üblichen Produktkosten weiter. Welche 51 es konkret sind, hat Trade Republic noch nicht veröffentlicht.

Die erstatteten Kosten werden nicht ausgezahlt, sondern monatlich wieder angelegt. Sie arbeiten also mit.

Wichtig für die Planung: Eröffnen kannst du das Depot erst ab dem 1. Januar 2027. Bis dahin gibt es nur eine Warteliste. Niemand muss diese Woche eine Entscheidung treffen.

Warum kann das überhaupt kostenlos sein?

Das ist die Frage, die ich mir bei jedem Nullpreis zuerst stelle – und sie hat hier eine nachvollziehbare Antwort.

Die laufenden Fondskosten kassiert normalerweise die Fondsgesellschaft, nicht der Broker. Dass sie entfallen, heißt nach Angaben aus der Branche: Die Fondsanbieter selbst verzichten darauf – finanzieren die Erstattung also mit. Für BlackRock, DWS und Vanguard ist das ein Einstiegspreis in einen Markt, der ab 2027 neu verteilt wird und über Jahrzehnte Geld einsammelt.

Trade Republic wiederum verdient an einem Altersvorsorgedepot nicht am Depot, sondern daran, dass du Kunde wirst und bleibst. Das Depot ist das Schaufenster, nicht die Kasse.

Das ist weder verwerflich noch ungewöhnlich. Aber es erklärt, warum eine solche Zusage nicht dieselbe Verbindlichkeit hat wie ein Preis, der im Vertrag steht. Womit wir beim ersten Haken wären.

Haken 1: Die Zusage ist freiwillig

Trade Republic spricht davon, die Kosten „langfristig“ zu übernehmen. Das ist bewusst gewählt. Es gibt kein Enddatum – aber eben auch keine Garantie und keine vertragliche Zusicherung.

Zum Vergleich: Beim Kinderdepot desselben Anbieters ist die Erstattung ausdrücklich bis zum 18. Geburtstag zugesagt. Hier fehlt eine solche Grenze in beide Richtungen.

Die Liste der 51 ETFs kann sich ändern. Die Aktion kann enden. Bei einem Produkt, das du 30 oder 40 Jahre halten sollst, ist „langfristig“ eine Absichtserklärung, keine Kalkulationsgrundlage.

Ehrlicherweise: Das gilt für fast alle aktuellen Angebote. Auch Scalable Capital hat seine Erstattung freiwillig ausgesprochen. Es ist kein Argument gegen Trade Republic – aber ein Argument dagegen, 30-Jahres-Rechnungen mit null Prozent Kosten für bare Münze zu nehmen.

Haken 2: Der Ausstieg kostet in den ersten fünf Jahren

Hier wird es konkret. Wer sein Altersvorsorgedepot zu einem anderen Anbieter überträgt, zahlt bei Trade Republic in den ersten fünf Vertragsjahren 150 €. Ab dem sechsten Jahr ist der Wechsel kostenfrei.

Die 150 € sind kein Ausreißer, sondern der gesetzlich zulässige Höchstbetrag – andere Anbieter dürfen genauso viel verlangen. Und es kann teurer werden: Der aufnehmende Anbieter darf seinerseits eine einmalige Gebühr erheben. Im ungünstigsten Fall kostet ein Wechsel also mehr als die 150 €.

Eine Ausnahme gibt es: Erhöht ein Anbieter seine Kosten, kannst du nach Auffassung der Verbraucherzentralen kostenfrei wechseln. Genau dieser Fall wäre relevant, wenn die freiwillige Erstattung eines Tages wegfällt.

Trotzdem: Die Vorstellung „wenn es teurer wird, gehe ich einfach“ stimmt in den ersten fünf Jahren nur eingeschränkt. Das sollte man wissen, bevor man den Vertrag als unverbindlich betrachtet.

Haken 3: Der Kostendeckel endet mit dem Rentenbeginn

Das ist der Punkt, der mich am meisten beschäftigt – und der in keiner der Meldungen auftauchte, die ich gelesen habe.

Der gesetzliche Deckel von 1 % Effektivkosten gilt für das Standarddepot in der Ansparphase. Beginnt die Auszahlung, greift er nicht mehr. Für die Rentenphase gibt es keine entsprechende Obergrenze.

Das ist deshalb bedeutsam, weil in dieser Phase dein größtes Vermögen liegt. Nach 35 Jahren Ansparen hast du dort mehr Geld als je zuvor – und ausgerechnet dann greift der Schutz nicht mehr, der dich in der Ansparphase begleitet hat.

Modellrechnungen zeigen: 1 % statt 0,1 % Kosten in der Auszahlphase können die jährliche Nettoentnahme um rund 9 % senken. Bei 1.000 € monatlicher Zusatzrente wären das etwa 90 € weniger – jeden Monat, über zwanzig Jahre.

Trade Republic hat zu den Konditionen der Auszahlphase bisher nichts gesagt. Das ist kein Vorwurf – kein Anbieter hat das. Aber es ist die Frage, die ich stellen würde, bevor ich einen Vertrag über Jahrzehnte unterschreibe.

Was null Prozent Fondskosten nicht bedeutet

Ein Punkt, der in der Euphorie untergeht, und der zu den wichtigsten überhaupt gehört, wenn man ETFs versteht: Die laufenden Fondskosten sind nicht die einzigen Kosten eines ETF.

Die ausgewiesene Kostenquote erfasst nicht alles. Daneben gibt es Handelskosten beim Umschichten innerhalb des Fonds, Abweichungen bei der Nachbildung des Index, nicht investiertes Bargeld und Effekte aus Quellensteuern.

Die aussagekräftigere Kennzahl ist deshalb die Nachbildungsdifferenz – also der tatsächliche Abstand zwischen der Wertentwicklung des Fonds und der seines Index über mehrere Jahre. Zwei ETFs auf denselben Index mit derselben ausgewiesenen Kostenquote können hier spürbar auseinanderliegen.

Was heißt das praktisch? Ein ETF mit null Prozent ausgewiesenen Kosten ist nicht automatisch der, mit dem du am Ende am meisten hast. Er hat einen Vorsprung – aber die Qualität der Nachbildung entscheidet mit.

Und noch wichtiger: Welchen Index ein Fonds abbildet, ist die größere Frage als ein Zehntelprozent Kosten. Ein günstiger ETF auf einen schlecht gestreuten Index ist kein gutes Geschäft.

Der Blick auf den Wettbewerb

Trade Republic ist nicht allein. Wenige Tage zuvor, Anfang Oktober 2026, hatte Scalable Capital eine ähnliche Erstattung angekündigt. Der Vergleich zeigt, wo die Unterschiede liegen:

Trade RepublicScalable Capital
ETFs mit Kostenerstattung5116
Erstattung gilt imStandard- und freiem Depotnur im freien Depot
Fondskosten im Standarddepotentfallenentfallen bis Ende 2027, danach bis 0,15 %
Einzelkauf im freien Depot1 €0,99 € oder 0 € im Abo
Zusage befristet?nein, aber freiwillignein, aber freiwillig

Auf dem Papier liegt Trade Republic damit vorn – vor allem, weil die Erstattung auch im Standarddepot gilt und die Auswahl mit 51 statt 16 Fonds deutlich breiter ist. Scalable kontert mit einem Detail, das Trade Republic bisher nicht bietet: Wer ein Abo-Modell nutzt, zahlt dort auch für Einzelkäufe nichts.

Was Scalable genau angekündigt hat und warum der Bonus dort nur für Selbstentscheider gilt, habe ich in einem eigenen Artikel aufgeschrieben: Scalable Capital und der Rentenbonus.

Zur Einordnung gehört aber: Der Abstand zwischen den günstigsten Anbietern ist klein, und es ist Oktober 2026. Bis zum Start im Januar werden weitere Anbieter nachziehen. Wer heute den „Sieger“ ausruft, bewertet einen Zwischenstand.

Was das für dich heißt

Drei Gedanken, die ich wichtiger finde als die Frage, welcher Anbieter diese Woche vorn liegt.

Erstens: Die Entscheidung eilt nicht. Eröffnen kannst du frühestens im Januar. Bis dahin werden Konditionen vollständig veröffentlicht, Produktinformationsblätter liegen vor, und die Zertifizierung durch das Bundeszentralamt für Steuern ist abgeschlossen. Wer jetzt auf eine Warteliste geht, hat keinen Vorteil gegenüber jemandem, der im Januar in Ruhe vergleicht.

Zweitens: Kosten sind wichtig, aber nicht alles. Dass Kosten über Jahrzehnte enorm wirken, habe ich an anderer Stelle vorgerechnet – ein halbes Prozent kann mehr kosten als die gesamte Kinderzulage einbringt. Genau deshalb ist dieses Angebot relevant. Aber zwischen 0,0 % und 0,15 % liegt ein Bruchteil dessen, was zwischen einem guten und einem schlechten Vertrag liegt.

Drittens: Schau auf das, was noch fehlt. Die Auszahlphase, der Service im Problemfall, die Abwicklung der Zulagen, die Übertragung eines bestehenden Riester-Vertrags. Das sind die Punkte, an denen sich in zwanzig Jahren entscheidet, ob du zufrieden bist – nicht die Schlagzeile von heute.

Rechne es selbst nach: Im Altersvorsorgedepot-Rechner siehst du, was unterschiedliche Kostensätze über deine Laufzeit ausmachen – und wie sich das geförderte Depot gegen ein freies ETF-Depot schlägt. Mit dem Zinseszinsrechner kannst du zusätzlich prüfen, was ein Zehntelprozent bei deiner Sparrate bedeutet.

Mein Fazit

Das Angebot ist ein echter Fortschritt. Dass ein Anbieter bei einem geförderten Altersvorsorgeprodukt auf Depotgebühr, Sparplankosten und Fondskosten verzichtet, hätte vor zwei Jahren niemand erwartet. Für Sparer ist der Wettbewerb zwischen Trade Republic und Scalable die beste Nachricht seit Verabschiedung des Gesetzes.

Was ich nicht mitmache, ist die Rechnung „null Kosten mal 30 Jahre“. Eine freiwillige Zusage ohne Enddatum, eine Wechselgebühr in den ersten fünf Jahren und eine Auszahlphase ohne Kostendeckel sind drei gute Gründe, mit etwas mehr Vorsicht zu rechnen als mit der Nullrunde.

Mein Rat: Nimm die Nachricht als das, was sie ist – ein starkes Signal, dass sich der Markt in die richtige Richtung bewegt. Und triff die Entscheidung im Januar, wenn alle Karten auf dem Tisch liegen. Du verlierst dadurch nichts außer ein paar Wochen Wartezeit auf ein Produkt, das du vierzig Jahre behalten sollst.

Welche Grundsatzfragen du vorher für dich klären solltest, habe ich hier zusammengefasst: Standarddepot oder individuelles Depot?

Du überlegst, ob und wie das Altersvorsorgedepot in deine Planung passt – oder was mit einem bestehenden Riester-Vertrag geschehen soll? Im Finanzcoaching auf Honorarbasis schauen wir uns deine Situation gemeinsam an. Ich verkaufe keine Produkte und bekomme keine Provision, egal wie du dich entscheidest.

Hinweis: Alle Angaben beruhen auf der Pressemitteilung vom 13. Oktober 2026 und der Berichterstattung dazu. Die endgültigen Konditionen, die Liste der ETFs und die Bedingungen der Auszahlphase stehen noch nicht fest und können sich bis zum Start am 1. Januar 2027 ändern. Dieser Artikel nennt bewusst keine einzelnen Fonds und spricht keine Produktempfehlung aus. Alle Inhalte dienen der finanziellen Bildung und Wissensvermittlung und stellen keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Maßgeblich sind die Produktinformationsblätter und Vertragsbedingungen des jeweiligen Anbieters.